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Leseprobe aus dem Buch:

Ist Gott auch in Schwierigkeiten?

Tagebuch einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg.

Ab sofort als Buch erhältlich.


ISBN-13: 9783837028195
140 Seiten € 13,80

Mit vielen, teils farbigen Abbildungen.

Montag - 7. Mai 2007

Mein Jakobsweg

Anreise


Man sagt, der Weg ist das Ziel - doch in Wahrheit bist du selbst das Ziel.

 Warum tue ich mir das an? Diese Frage habe ich mir während meiner Reise auf dem Jakobsweg oft gestellt. Viele Menschen vermuten, dass Pilger, die die Strapazen eines 800 Kilometer langen Weges auf sich nehmen, grundsätzlich sehr religiös sind. Egal ob sie zu Fuß gehen, auf einem Pferd reiten oder das Fahrrad benutzen - diese drei Fortbewegungsarten sind auf dem Jakobsweg erlaubt, um am Ende der Wallfahrt die compostela zu erhalten. Diese Urkunde bescheinigt den Besuch der Kathedrale von Santiago de Compostela und ist damit ein Nachweis für die erfolgreiche Wallfahrt der Jakobuspilger, die auch peregrinos genannt werden.

  Meistens wird vermutet, dass irgendeine religiöse Kraft oder ein tiefer Glaube die Pilger antreibt. So erging es auch mir. Wenn ich im Vorfeld meiner Reise erzählt habe, dass ich nach Santiago de Compostela pilgern werde, wechselten sich Bewunderung und Erstaunen ab. Ich wusste gar nicht, dass du so religiös bist, sagte ein Freund zu mir, um dann nachzufragen, ob denn auch Nicht-Katholiken diesen Weg gehen dürften. Natürlich kann jeder Mensch diesen Weg gehen, und in der Zeit von April bis September kommen täglich hunderte Pilger in der heiligen Stadt an.

 Doch was bedeutet es eigentlich, wenn man sagt, man sei religiös? Vielleicht möchte ich mich gar nicht als religiös bezeichnen, sondern mehr als einen Suchenden, der etwas anderes finden möchte, als das, was die traditionelle Kirche lehrt.

 Ich glaube, man kann die Menschen grundsätzlich in vier Gruppen einteilen. Da gibt es einmal die religiösen Traditionalisten. Sie finden die Antworten zu ihren Fragen in den verschiedenen Kirchen - egal, welcher Religion sie angehören. Religiöse Rituale sind ein fester Bestandteil ihres Alltags, und manche Menschen dieser Gruppe driften sogar ab in den religiösen Fundamentalismus, den man nicht nur bei Muslimen, sondern auch bei Christen, vor allem in den USA, findet.

 Dann gibt es die, die höchstens einmal im Jahr zu Weihnachten in die Kirche gehen, aber ansonsten mit dem lieben Gott nicht viel an der Mütze haben. Diese Menschen interessiert vor allem ihre finanzielle Lage und die eigene Zufriedenheit. Zufriedenheit wird bei diesen Menschen meist ausgelöst durch beruflichen Erfolg, familiäre und freundschaftliche Beziehungen und Freizeitaktivitäten, Urlaub und Konsum. Für diese Menschen besteht der Sinn des Lebens darin, zu versuchen, für sich das Beste herauszuholen.

 Und dann gibt es noch die kreativen Gläubigen. Sie gehören zwar einer bestimmten Glaubensgemeinschaft an, doch trotzdem haben sie keine Probleme, Lehren, Überzeugungen und Anregungen anderer Weltreligionen, wie z.B. dem Buddhismus anzunehmen. Diese Menschen grenzen sich in ihren Meinungen und Überzeugungen von den Traditionalisten ab und vertreten ihre eigene Auffassung, auch wenn diese nicht mit der kirchlichen Lehrmeinung übereinstimmt.  

  Ich glaube, ich gehöre zur vierten Gruppe, den spirituellen Sinnsuchenden. Zwar bin ich Mitglied der evangelischen Kirche, doch trotzdem interessiert mich alles Spirituelle. Ich möchte auf dem Jakobsweg meine innere Mitte finden und herausfinden, ob es wirklich so etwas wie einen Gott gibt. Und wenn ja, wer oder was ist Gott? An ein Wesen mit Rauschebart, das irgendwo im Himmel – wo auch immer das sein mag – mitfühlend und gnädig auf uns Menschen herabschaut, kann ich nicht glauben. Aber trotzdem bin ich mir sicher, dass es weit mehr gibt, als wir wahrnehmen können. Deswegen lese ich auch so gerne die Bücher des Physikers Stephen Hawking, der sagt, dass unsere Welt ohne die Annahme von zusätzlichen, für uns noch nicht nachweisbaren Dimensionen, unerklärbar sei.

  Der Camino de Santiago gehört neben den Wegen nach Rom und Jerusalem zu den drei großen Pilgerwegen der Christenheit. Seit dem Mittelalter begeben sich mittlerweile bis zu 100.000 Menschen pro Jahr zu Fuß, per Rad oder mit dem Pferd auf den Weg, welcher nach dem Apostel Jakobus benannt ist, einem der zwölf Jünger Jesu, dessen Gebeine der Legende nach in der heiligen Stadt Santiago de Compostela begraben liegen.

  Nun gut, jetzt geht es los mit meiner Sinnsuche auf dem Jakobsweg. Zwei Wochen bin ich jetzt während meiner Pilgerreise auf mich allein gestellt. 800 Kilometer auf dem Jakobsweg. Nicht zu Fuß wie die meisten Jakobspilger, sondern mit dem Mountainbike von St. Jean-Pied-de-Port in den französischen Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens. Neben meinem Reiseführer habe ich noch ein weiters Buch über den Jakobsweg bei mir, das die berühmte Schauspielerin Shirley MacLaine geschrieben hat. Es wird sicher helfen, mir die Zeit auf der langen Zugfahrt zu vertreiben.


  Ich bin sehr aufgeregt. Ich sitze im Zug und meine Pilgerreise hat tatsächlich begonnen. Meiner Frau hatte ich abends vom Jakobsweg erzählt und ganz nebenbei den Wunsch geäußert, den camino mal mit dem Fahrrad zu fahren. Die überraschende Antwort war: „Mach doch!“ Gesagt, getan, und nun hat das Abenteuer begonnen. Was mich auf der Reise erwarten wird, weiss ich nicht. Gespannt bin ich auf das Fremde und besonders darauf, wie ich mit mir selbst zurecht kommen werde. Wann in meinem Leben war ich mal zwei Wochen allein?

  Ich fühle mich, als hätte ich gestern den  Film Titanic im Kino gesehen, um heute eine Atlantiküberquerung auf einem originalgetreu nachgebauten Schiff anzutreten. Wo ist der Eisberg?


  Das Umsteigen in Paris vom Bahnhof Nord zum Bahnhof Austerlitz schafft mich völlig. Nur 45 Minuten habe ich Zeit, um mit meinem schweren, überaus unhandlichen Gepäck meinen Anschlusszug per Metro zu erreichen. Das Rad transportiere ich auseinandergebaut in einer großen, zusammenfaltbaren Radtasche, die kaum durch den schmalen Metroeingang passt. Dazu kommt noch mein Rucksack, mit dem ich ständig irgendwo anstoße.

 Im Zug erwartet mich die nächste Überraschung: Mein heißgeliebtes teures Mountainbike passt unmöglich ins Schlafwagenabteil. Abstellen muss ich das Fahrrad in einem Extragepäckabteil, wo es als einziges Gepäckstück die Nacht verbringen muß. Kurz überlege ich, ob ich es doch mit ins Bett nehme, verwerfe den Gedanken aber, weil ich sonst Gefahr laufe, in eine Pariser Nervenheilanstalt eingewiesen zu werden. Überzeugt davon, dass mein teures Rad am nächsten Morgen nicht mehr da sein wird, begebe ich mich voller Misstrauen in mein Abteil und kämpfe mich ins Bett. Kaum geht das Licht aus, fängt schon einer meiner Mitreisenden fürchterlich an zu schnarchen. Zum Glück befindet sich in einer Netztasche neben meinem Bett ein Geschenkpäckchen der französischen Bahn mit Erfrischungstüchern und Oropax. Kaum habe ich die Dinger im Ohr wird alles ruhig und erschöpft schlafe ich ein. Um 6.30 Uhr wache ich auf. Das Abteil ist leer und als mich von den Oropax befreie, weiß ich warum: Mein Handywecker gibt einen völlig nervigen Klingelton von sich, der wohl meine Mitreisenden aus dem Abteil vertrieben hat. Auf dem Gang ernte ich deswegen vorwurfsvolle Blicke. Die erste Überraschung erwartet mich im Gepäckabteil: Hurra, mein Fahrrad ist noch da! Ich muss lernen, mehr Vertrauen zu haben.
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